header image
 

Ideen über die Liebe²

Irgendwie scheint diese Woche ganz im Zeichen des bel esprit zu stehen. Nachdem ich gestern Abend bereits den wunderbaren neuen Film von Woody Allen mit dem an sich schon bezaubernden Namen “Vicky Cristina Barcelona” gesehen hatte, stand heute eine Aufführung *des* Werkes des Sturm und Drangs, Goethes Leiden des jungen Werther, auf dem Programm. Gespielt wurde eine herrliche Interpretation in der Wiesbadener Wartburg, die das Kunststück vollbrachte, moderne Elemente fließend und umfassend mit den Originaltexten und Stimmungen zu verknüpfen. Werther war seit je her ein Charakter, den ich sehr spannend fand, auch weil ich mich zum Teil in ihm wiedererkannte… Der geneigte Leser mag jetzt gewisse Rückschlüsse auf meinen Charakter ziehen… =)

Passend zum Stück, habe ich nur wenige Stunden vorher ganz zufällig einen Text gelesen, der mich im Vorfeld der Aufführung, aber auch jetzt noch so sehr beschäftigte, dass ich es hier zu “Papier” bringe. Gefunden habe ich ihn in einem wirklich lesenswerten Buch namens “Was wir für wahr halten, aber nich beweisen können: Die führenden Wissenschaftler unserer Zeit beschreiben ihre Ideen” (erschienen bei Fischer, ISBN: 978-3-596-17919-0). Darin stellt John Brockman, Initiator von Edge – der Dritten Kultur “bestehend aus den Wissenschaftlern und sonstigen empirisch orientierten Denkern, die mit ihrer Forschungsarbeit und ihren begleitenden Schritten die Rolle des traditionellen Intellektuellen übernehmen, den tieferen Sinn unseres Lebens sichtbar zu machen und neu zu definieren, wer und was wir sind” – eben die im Titel genannte Frage nach dem esprit de deviniation. Die Antwort darauf liefern Wissenschaftler aus allen Disziplinen der modernen und klassischen Wissenschaften wie Evolutionsbiologie, Genetik, Neurophysiologie, Psychologie und Physik und überschreiten darin oft die Grenzen ihres Fachgebietes. Dabei “betrachten sie Wissenschaft und Technik nicht nur in pragmatischer Hinsicht, sondern auch als ein Mittel, tiefer in die Fragen einzudringen, wer wir sind und auf welche Weise wir zu Erkenntnissen gelangen”. Die eingehenden Antworten werden dann in Kategorien wie “Evolution als Kolonisierung des Weltalls”, “Prognosen und strenge Beweise”, “Die kosmologie der Multiversen” oder “Zeit und Geist: Kritik am Zeitgeist” erfasst.

Ein Text sticht dabei ganz besonders hervor. So schreibt David Buss zum Thema “Glauben und Handeln” die folgende Stellungnahme:

Ich glaube an die wahre Liebe.

In den zwei Jahrzehnten meines Berufslebens, die ich darauf verwandt habt, das menschliche Paarungsverhalten zu erforschen, konnte ich nicht nur beobachten, was Männer und Frauen an Partnern begehren, sondern sah auch die teuflischsten Formen von sexuellem Betrug. Ich fand erstaunlich kreative Täuschungs- und Manipulationsstrategien, erforschte üble Schürzenjäger, besessene Stalker, Sexualverbrecher und Gattenmörder. Doch trotz aller Einsichten in die dunkelsten Seiten der menschlichen Seele habe ich meinem Glabuen an die wahre Liebe stets unverbrüchlich die Treue gehalten.

Im Unterschied zur gewöhnlichen ist wahre Liebe etwas Seltenes, und ich glaube, dass einige wenige das Glück haben, sie erleben zu dürfen. Auf den üblichen Wegen der Liebe schreiten viele und kennen die Zeichen – den betörenden Reiz, die Anbetung, das sexuelle Nachglühen, die oft tiefe Selbstaufopferung, den Wunsch nach Kombination der DNS. Doch wahre Liebe schlägt ihren eigenen Kurs ein, durch unkartiertes Gelände. Sie kennt kein Zäune, hat weder Schranken noch Grenzen. Sie ist schwer zu definieren, spottet modernen Messmethoden und erscheint wissenschaftlich unfassbar. Aber ich weiß, dass es wahre Liebe gibt, ich kann es nur nicht beweisen.

David Buss ist Psychologieprofessor an der Universitity of Texas in Austin. Er erforscht unter anderen die evolutionären Grundlagen des menschlichen Paarungsverhaltens, von Konflikten zwischen den Geschlechtern sowie von Eifersucht, Nachstellung und Mord. Seine Bücher zu diesen Themen tragen die Titel “Die Evolution des Begehrens. Geheimnisse der Partnerwahl” (Goldmann, ISBN: 978-3442125845) und “Der Mörder in uns. Warum wir zum Töten programmiert sind” (Spektrum Akademischer Verlag, ISBN: 978-3827420831).

Das oben gennante Buch, herausgegeben von John Brockmann, gibt es im Internet oder – noch besser – in jeder Buchhandlung. Das oben genannte Theaterstück unter der Regie von Tobias Materna wird am 25.02.2009 und am 17.03.2009 abermals in der Wartburg in Wiesbaden aufgeführt und ist wärmstens zu empfehlen. Karten kosten 14€ bei freier Platzwahl und können auch online bestellt werden.


~ by Ardenya on 22 Januar, 2009.

Kommentieren:




 
SEO Powered by Platinum SEO from Techblissonline