1x Starbucks zum Mitnehmen bitte!
Ich muss zugeben, ich höre nur selten Radio. Eigentlich nur, wenn ich mit dem Auto unterwegs bin, was in heutigen Tagen jedoch nicht mehr so häufig vorkommt (zudem ist Mainz überschaubar, da kommt man auch per pedes gut zurecht). Gestern allerdings habe ich bei SWR1 einen derart faszinierenden Bericht gehört, dass ich sogar nach Ankunft am Ziel trotz moderatem Zeitmangel noch sitzen geblieben bin, um den Ausführungen des Journalisten bis zum Schluss zu lauschen – und habe mich auch prompt entschieden, das Gehörte mit euch teilen zu müssen. Merry you I guess!
Der Gang des Kaffees, der schließlich in den Bechern der Kunden von kleinen und großen Kaffeehaus-Ketten landet, geht in der Regel folgenden Weg:
Irgendwo auf der Welt, meist in Schwellenländern oder solchen der Dritten Welt, geht ein Kaffeebauer seiner anstrengenden und kräftezehrenden Arbeit nach. Kaffeepflanzen sind verhältnismäßig empfindlich und die Ernte läuft auch heute noch manuell ab, wobei jede Bohne von Hand gepflückt wird. Meist arbeiten die Bauern auf eigene Rechnung, d.h. die Bezahlung erfolgt nach der abgelieferten Menge. Letztendlich bleibt ihm jedoch nur ein Hungerlohn, der nur schwer zum Überleben reicht, da auf dem Weg vom Ernteort bis zum Cafe-to-go an der Ecke mehrere Zwischenhändler eingeschaltet sind, die natürlich auch was verdienen möchten. Fair-Trade-Vereinbarungen, die noch immer eine Ausnahme bilden, jetzt mal außen vor gelassen.
Unter Kaffeeliebhabern wie mir wird vor allem der Kaffee aus Kolumbien besonders geschätzt. Aufgrund seiner klimatischen Bedingungen und Böden bietet das Anbaugebiet ideale Voraussetzung für qualitativ hochwertige Erzeugnisse. Jedoch haben eben gerade kolumbianische Kaffeebauern aufgrund der Globalisierung schwer zu leiden, da vermehrt Anbieter billiger Sorten, inbesondere aus China und einigen Staaten Afrikas, auf den Markt drängen. Dies wirkt sich unmittelbar auf den Absatz und Löhne der Bauern aus.
Doch nun wollen sie zurückschlagen. Und welch Ironie, die Möglichkeit dazu liefert ihnen ein Umstand, der uns allen in der einen oder anderen Form zu schaffen macht – die globale Finanzkrise. Seit Jahren ist der Wert der Starbucksaktie (WKN: 884437 / ISIN: US8552441094) rückläufig, im Zuge der Krise sogar zeitweise auf 8 US-Dollar gefallen. Dazu äußerte sich Gabriel Silva, der Geschäftsführer des kolumbianischen Kaffeebauernverbandes, in der Zeitung El Tiempo und erklärte, dass “die Finanzkrise [seinem Verband] verschiedene neue Möglichkeiten eröffnet”.
Dieser überlegt derzeit wie er die Lage seiner Mitglieder verbessern könnte. Eine der Möglichkeiten wäre, so Silva, die etwa 500 Millionen US-Dollar Rücklagen seines Verbandes dazu zu nutzen, große Teile des Kaffees am Weltmarkt einzukaufen und somit vom Markt zu nehmen. Als Folge könnte man dadurch den Wert der Bohnen künstlich nach oben drücken. Der “Rohstoff” sei derzeit ohnehin knapp, so dass bereits relativ kleine Mengen Wirkung zeigen würden.
Eine andere – und deutlich spannendere – Möglichkeit wäre es, die Finanzmittel dazu zu verwenden, Anteile an Starbucks zu erwerben, zumindest soviele, dass dem Verband ein Mitspracherecht zustünde. Ermöglicht wird das durch den bereits erwähnten niedrigen Aktienkurs. Aber auch sonst befindet sich der Riese im Straucheln: im Juli kündigte man die Schließung von über 600 Filialen an, davon allein 500 in den USA. Bereits 200 bis 300 Millionen US-Dollar könnten nach Aussage von Gabriel Silva ausreichen, um das zu realisieren, was früher noch “undenkbar, [wie] ein Traum” schien – die Umkehr bestehender Verhältnisse.
Und genau jene Ironie hat mich zutiefst erfreut, ja geradezu bewegt. Immer wieder muss sich der Westen – wohlgemerkt zum Teil zurecht – vorwerfen lassen, die alten Kolonialmachtstrukturen in neuer Form und unter dem Deckmantel des Kapitalismus weiterzuführen. Nun könnte letztendlich gerade dieses Wesen, am Beispiel von Starbucks, dazu genutzt werden, gerechtere Verhältnisse zu schaffen. Ich bin gespannt, wie sich das noch entwickelt…
(Quellen: ein nicht wiederauffindbarer Radiobeitrag des SWR1; zur Lektüre ein ähnlicher Bericht der Berliner Zeitung)



Kommentieren: